Gleicher Name, andere Krankheit:

Warum sich Krebs bei Kindern und Erwachsenen grundsätzlich unterscheidet


Die Erkrankung Krebs ist so alt wie die Menschheit selbst und keineswegs eine neue Erscheinung. Schon die legendären Gelehrten vergangener Zeiten, wie der ägyptische Arzt Imhotep oder das persische Universalgenie Ibn Sina (Avicenna) beschrieben die Diagnosestellung und Therapie von Tumoren, und Knochenkrebs konnte sogar an jahrtausendalten Überresten aus prähistorischen Gräbern festgestellt werden. Doch als der griechische Heiler und Gründer des ärztlichen Berufsstands, Hippokrates, zum ersten Mal von „Krebs“ schrieb, konnte er noch nicht ahnen, dass er eigentlich nicht von einer Krankheit sprach – sondern von tausenden verschiedenen! Denn keine Krebserkrankung ist wie die andere, und besonders groß ist der Unterschied zwischen kindlichen und erwachsenen Krebserkrankungen. Warum ist das so wichtig? Bevor wir diese Frage behandeln können, müssen wir uns nochmals vor Augen führen, wodurch Krebs eigentlich ganz allgemein entsteht. Dafür ist ein kleiner Abstecher in die Grundlagen der menschlichen Biologie notwendig.
Unser Körper ist aus Millionen von Zellen aufgebaut, die alle die gleiche „Gebrauchsanweisung“ benutzen – das sogenannte DNA-Molekül, auf dem die Erbinformation in Form einer millionenfachen Abfolge von nur vier Molekülen, den Basen, gespeichert ist. Die DNA befindet sich im Zellkern einer jeden Zelle, wo sie in 46 sehr langen Ketten, den Chromosomen, vorliegt. Einzelne Abschnitte dieser Chromosomen bezeichnet man als Gene, und diese Gene beschreiben der Zelle, wie sie bestimmte Eiweißketten – die Proteine – herstellen kann, die dann mannigfache verschiedene Funktionen in der Zelle ausführen. Da wir jeweils 23 Chromosomen von jedem unserer Eltern erben, liegt jedes Chromosom, und dadurch auch jedes Gen, in unseren Zellen in zwei Versionen vor. Eine Ausnahme sind nur die X- und Y-Chromosomen beim Mann, da diese unterschiedlich sind. Sobald Zellen sich teilen, um uns Wachstum zu ermöglichen, Wunden zu schließen oder verloren gegangene Zellen zu ersetzen, muss die DNA vollständig kopiert werden.

Wenn das DNA-Molekül geschädigt wird, was Wissenschaftler als Mutation bezeichnen, kann es aber passieren, dass sich die gespeicherte Information der Gene verändert: Plötzlich werden falsche Eiweiße hergestellt, die ihre Funktion gar nicht mehr oder falsch ausführen. Sind davon Gene betroffen, die die Zelle zum Wachsen anregen, kann es unter Umständen zu unaufhörlichen und unkontrollierten Zellteilungen kommen. Es entsteht ein bösartiger Tumor, eine Krebsgeschwulst. Je nachdem, in welchem Organ das passiert, spricht man dann beispielsweise von einem Brust-, Hirn-, Magen-, oder Lungentumor. In den meisten Fällen reicht es allerdings nicht, wenn nur ein Gen geschädigt wird, da die Zelle mehrere „Verteidigungslinien“ gegen die Krebs verursachenden Veränderung besitzt, unter anderem ein sehr leistungsstarkes DNA-Reparatursystem. Oft müssen daher erst mehrere wichtige Gene ausfallen, bevor ein Tumor entstehen kann.

Krebs ist also eine Erkrankung der Gene und kann nur auftreten, wenn entscheidende Schäden (Mutationen) in der DNA entstehen, die durch die Zelle nicht korrigiert werden können. Wie also passiert das? Zum einen können Mutationen einfach zufällig entstehen, wenn die Zelle sich teilt, ihre DNA dabei kopieren muss und sozusagen „Tippfehler“ passieren. Umso häufiger sich Zellen teilen, umso größer natürlich auch die Wahrscheinlichkeit, dass solche Tippfehler auftreten. Mindestens genauso wichtig sind aber Stoffe von außen: Radioaktive Strahlung, UV-Licht, Gifte aus Zigaretten, verschiedene chemische Verbindungen, Entzündungsprozesse und Alkohol können die DNA schädigen. Mit diesem Wissen kann man sich einfach erklären, warum Krebs bei Erwachsenen so häufig ist: Sie leben schon seit vielen Jahren, weswegen sich ihre Zellen oft teilen mussten, und je nach individuellem Lebensstil wurden schon viele Stoffe aufgenommen, die die DNA geschädigt haben. Über die Jahre sammeln Menschen also immer mehr Mutationen, was das Risiko, an Krebs zu erkranken, langsam ansteigen lässt. Das erklärt auch, warum jeder Betroffene einen etwas anderen Krebs entwickelt. Bei vielen Krebsarten kann man sogar Vorstufen identifizieren, die die Verwandlung in bösartige Zellen noch nicht komplett abgeschlossen haben. Nach diesen Vorstufen sucht man bei Screenings wie der Darmkrebs- oder Hautkrebsvorsorge. Dass Krebs mit dem Alter häufiger wird, zeigt sich auch an den Zahlen der Erkrankten in Deutschland: Auf jeden Fünfzehnjährigen, der an Krebs erkrankt, kommen 200 bis 300 über 80-Jährige.
Nun fragen Sie sich vielleicht völlig zurecht: Wieso bekommen Kinder und Jugendliche denn dann überhaupt Krebs? Sie hatten in ihrem kurzen Leben kaum Zeit, Mutationen anzuhäufen. Babys und Säuglinge fallen weder durch den übermäßigen Konsum von Alkohol auf, noch rauchen sie Zigaretten oder gehen ins Sonnenstudio! Und damit kommen wir zum Kern des Problems: Krebs bei Kindern ist eine völlig andere Erkrankung als Krebs bei Erwachsenen. Das zeigt sich schon an der Tatsache, dass Krebsarten, die bei Kindern häufig sind – Blutkrebs, bestimmte Hirn- und Weichgewebs- oder Knochentumore – bei Erwachsenen sehr selten auftreten.
Wenn man sich Krebs als Lawine vorstellt, dann kommt diese bei Erwachsenen ins Rollen, indem am oberen Ende des Berghangs immer mehr kleine Steine (Mutationen) aufgetürmt werden. Bei Kindern ist es eher so, als würde jemand einen einzigen riesigen Brocken lostreten, der allein ausreicht, damit das Unheil seinen Lauf nimmt. Vergleicht man Krebszellen von Erwachsenen und Kindern, fällt auf, dass erstere im Mittel tatsächlich viel weniger Mutationen aufweisen – diese befinden sich dann aber häufig in extrem wichtigen Genen, die beispielsweise für die Entwicklung des Kindes im Bauch der Mutter angeschaltet werden. Diese Mutationen können von den Eltern geerbt werden, oder entstehen zufällig während der Entwicklung des Kindes im Bauch der Mutter. Aufgrund dieser grundlegenden Unterschiede benötigen Kinder andere Therapien als Erwachsene. Die viel kleinere Zahl von Mutationen bedingt, dass viele Medikamente, die für Erwachsene entwickelt werden, bei Kindern nicht anschlagen. Außerdem ähneln Krebszellen bei Kindern häufig den gesunden kindlichen Körperzellen, aus denen sie entstehen. Das macht es für das Immunsystem sehr schwierig, bösartige Zellen zu erkennen, und entsprechende Therapiekonzepte, die das Immunsystem anregen sollen, funktionieren nicht so gut wie bei Erwachsenen.
In der Kinderheilkunde gibt es einen Satz, der in großer Regelmäßigkeit zitiert wird: Kinder und Jugendliche sind keine kleinen Erwachsenen! Beim Thema Krebs gilt das ganz besonders. Sie brauchen eigene, auf sie maßgeschneiderte Therapien, und Expert*innen, die sich ausschließlich auf die Besonderheiten von kindlichen Krebserkrankungen spezialisieren. KiTZ-Wissenschaftler*innen waren über die letzten Jahre maßgeblich daran beteiligt, die hochkomplexen Prozesse, die kindlichen Krebserkrankungen zugrunde liegen, immer mehr aufzuklären. Auf dieser Grundlage wird es in Zukunft möglich sein, Kindern und Jugendlichen mit Krebs besser wirksame und gleichzeitig nebenwirkungsärmere Therapien anzubieten. Denn auch wenn die Heilungsraten bei Kindern insgesamt höher sind als bei Erwachsenen, stirbt in Deutschland bis heute immer noch jedes fünfte Kind an seiner Krebserkrankung – und jedes einzelne davon ist eines zu viel.
David R. Ghasemi

 

1 Krebsinformationsdienst, https://www.krebsinformationsdienst.de/tumorarten/grundlagen/krebsstatistiken.php, aufgerufen am 08.12.2020

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ÜBER DIE AUTOREN:


David R. GhasemiDavid R. Ghasemi

GUTEN TAG,
ich heiße David und studiere Medizin an der Universität Heidelberg. Schon früh im Studium war mir klar, dass ich nach meinem Abschluss Kinder mit Krebs und speziell mit Hirntumoren behandeln will.

Nach einem Auslandsaufenthalt in Belfast pausierte ich 2018 mein Studium für 2.5 Jahre, um mich voll auf meine Doktorarbeit im Labor von Dr. Kristian Pajtler und einen anschließenden einjährigen Forschungsmaster in Kindergesundheit in London zu konzentrieren.

Diesen Herbst nehme ich mein Medizinstudium in Heidelberg wieder auf, werde aber weiterhin nebenbei am KiTZ forschen.

Am KiTZ arbeite ich an verschiedenen Projekten mit, die sich hauptsächlich mit zwei aggressiven Formen von Hirntumoren bei Kindern beschäftigen: dem Medulloblastom, und dem Ependymom. Dabei untersuchen wir, wie man die Diagnostik dieser Tumore verbessern kann, welche genetischen Veränderungen ihr Entstehen und Wachstum begünstigen, und ob sich Schwachstellen im genetischen Code des Tumors identifizieren lassen, die potentielle neue Behandlungsmöglichkeiten ermöglichen.

Ich freue mich sehr, für EIN KIWI GEGEN KREBS schreiben zu dürfen. Ein signifikanter Teil unserer Forschung wird über private Spenden finanziert, und ich halte es für sehr wichtig, zu erklären, was mit diesen Geldern passiert.

Forschung hilft Heilen und rettet Leben, und gerade für Kinder mit Hirntumoren sind die heutigen Behandlungsmöglichkeiten nicht ausreichend.

Das Motto des KiTZ – „für eine Kindheit ohne Krebs“ – scheint heute vielleicht noch Zukunftsmusik zu sein, aber Ihre wichtige Unterstützung bringt uns diesem Ziel näher. Dafür sind wir alle am KiTZ sehr dankbar, und ich freue mich darauf, Sie hoffentlich auch in Zukunft darüber informieren zu können, wo und wie Ihre Spenden eingesetzt werden!

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